Ich habe mich immer eingemischt

Am 10. April 1913 wird Helmut Flieg in ein jüdische Familie in Chemnitz hineingeboren. Sein Vater ist Kaufmann und ermöglicht seinem Sohn eine gediegene Ausbildung: Studium Philosophie, Germanistik und Zeitungswissenschaft. In seiner Familie wird er antifaschistisch und pazifistisch erzogen. Bald schreibt er erste Beiträge für Ossietzkys Weltbühne.

1933 flieht Flieg nach Prag und publiziert unter dem Pseudonym Stefan Heym, um seine Familie zu schützen. 1936 siedelt er in die Vereinigten Staaten um und wird US-Staatsbürger. Er schreibt dort für die antifaschistische New Yorker Wochenzeitung Deutsches Volksecho. 1943 wird Stefan Heym Soldat und beteiligt sich am Krieg gegen Hitlers NS-Staat als Sergeant für psychologische Kriegsführung. 1945 ist er Mitbegründer der Neuen Zeitung in München, wird aber vom Militär in die Staaten zurückversetzt und wegen prokommunistischer Haltung aus der US-Armee entlassen. Aus Protest gegen den Koreakrieg verlässt er die Vereinigten Staaten – 1948 erscheint sein Roman The Crusaders (Kreuzfahrer) und er wird zum Verkaufsschlager.

Über Prag und Warschau gelangt er in den 1950ern nach Berlin. Er zieht mit seiner Gemahlin in den für Intellektuelle erbauten südöstlichen Stadtrand in Grünau. Die Regierenden der DDR vergeben dort Häuschen an Künstler und Wissenschaftler. Die Gegend wird bald vom Ministerium für Staatssicherheit überwacht und bespitzelt die dort Wohnenden. Im Haus der Familie Heym werkt die informelle Mitarbeiterin IM Frieda als dort eingestellte Haushälterin und Vertrauensperson. Sie fotografiert unveröffentlichte Manuskripte und macht auch von Heyms Tagebuch nicht halt. Seine zweite Ehefrau Inge Heym berichtet dies später ihrem Mann. Er liebt es zu Hause zu sein und schreibt und witzelt „a Jud gehört ins Caféhaus“.

Klaus Fischer (Deutsche Sprachwelt No. 94 2023/2024) schreibt „Hoch angesehen, argwöhnisch beobachtet und bespitzelt, geehrt, abgelehnt, gemieden, verehrt, gehindert, doch auch privilegiert frei beweglich“ wird Heym zu bekannten Unperson der DDR. Er ist kritischer Sozialist, schreibt unverdrossen weiter, mahnt, und kann seine Bücher im Westen veröffentlichen. Er ist einer der meist gelesenen deutschen Autoren.

Die Wiedervereinigung hält Stefan Heym bei einem deutsch-deutschen Treffen von Schriftstellern in den Niederlanden für möglich und naturgegeben. 1989 ist er einer der Initiatoren der Resolution Für unser Land. Am 4. November hält er auf dem Alexanderplatz eine Rede, die von den Anwesenden begeistert aufgenommen wird. Die Mauer fällt, Heym plädiert für eine sozialistische Alternative zum Kapitalismus im Westen.

1990 und 1991 erhält er die Ehrendoktorwürden der Universitäten Bern und Cambridge. Dort deponiert er sein privates Archiv. 1994 ist der bislang parteilose Heym Kandidat der PDS, erhält ein Direktmandat und hält als Alterspräsident die Eröffnungsrede im deutschen Bundestag – er mahnt „Die Menschen erwarten, dass wir uns als Wichtigstes mit der Herstellung akzeptabler, sozial gerechter Verhältnisse und der Erhaltung unserer Umwelt beschäftigen. Die Vorstellungen in diesem Hause daran mögen weit auseinanderklaffen. Lassen Sie uns ruhig darüber streiten… die Debatte um die notwendigen Veränderungen in unserer Gesellschaft ist Sache einer grossen, bisher nie dagewesenen Koalition. Eine Koalition der Vernunft, die ein Koalition der Vernünftigen voraussetzt„. Die CDU/CSU-Fraktion verweigert dem Alterspräsidenten demonstrativ den Beifall – dies gab es noch im deutschen Bundestag! Bereits ein Jahr später tritt Heym aus Protest gegen eine Diätenerhöhung von seinem Mandat zurück.

2001 wird Stefan Heym Ehrenbürger von Chemnitz. Hier befindet sich nun seine Arbeitsbibliothek im Heym-Forum des Kulturzentrums. Zeitlebens hat er sich mit historischen Begebenheiten auseinandergesetzt – eingebunden in spannende Handlungen – werden viele seiner Werke Verkaufsschlager. 2001 reist er 88jährig nach Israel – trotz Herzkrankheit. Seine langjährige Vertraute und zweite Ehefrau Inge Heym begleitet ihn auf seiner Reise. Stefan Heym hält einen Vortrag über Heinrich Heine, drei Tage später hört sein Herz auf zu schlagen…

In Grünau erinnert ein Denkmal an den grossen sozialistischen Schriftsteller – auf einem Schreibpult lesen wir seine Worte: „Ich habe mich immer eingemischt“…

Betrachtet man die heutige Politik und heutige Politiker, so stellt man fest, dass Persönlichkeiten dieses Schlages weltweit fehlen, um wieder konstruktiv an einer neuen, sozialen und friedlichen Weltordnung zu arbeiten, meint

der Brandstetter

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