Katastrophaler Katastrophenschutz

Katastrophenschutz ist ein zusammengesetztes Wort und bedeutet Schutz vor oder nach Katastrophen. Wenn wir uns die Situation im Ahrtal ansehen, so erkennen wir, dass der Schutz vor und nach der Katastrophe versagt hat. Doch wer sollte denn schützen? Der Liebe Gott, Brüssel, Berlin, Düsseldorf oder Mainz, die Gemeinde, oder jeder sich selber, weil er von den geschaffenen und zuständigen Institutionen nicht geschützt wird? Deutschland ist krank, die Krankheit heisst Bürokratie. Gesetzliche Hürden, die es in allem und jeden zu überwinden gibt. Diese beginnt bereits mit den Zuständigkeiten; sind viele zuständig kommt eine Horde von Bürokraten und versucht einen Beschluss zu fassen. Man sehe sich zum Beispiel eine Bauverhandlung an – und dann wird dennoch zum Fluss hin gebaut. Vielleicht wurde sogar im Rahmen von Gesetzen und Verordnungen entschieden, dass dort gebaut werden darf – aber gibt es eine Raumplanung? Als Beispiel dient uns Altenahr. Sieht man sich die Raumplanung an, so sehen wir, dass ein Teil der Infrastruktur in der Roten Zone gebaut wurde. Das mag historische Gründe haben, als der Mensch aus den Höhlen hervor kam und sich in gemeinsamen Siedlungen niederliess, suchte man strategisch günstige Punkte: das waren ein Zugang zu Wasser als Durstlöscher und Toilette, Wald für die Jagd, Baustoff und Heizmaterial und schuf Freiflächen für den Ackerbau. Man suchte also die Nähe zu Flüssen, man mied Feuchtgebiete wegen der lästigen Mücken (Malaria als Krankheit war noch nicht beschrieben), – und Hab und Gut wurde sicherlich mit einiger Regelmässigkeit vom Hochwasser weg geschwemmt. Wahrscheinlich war das nicht so tragisch, Werkzeuge konnte man ein paar Meter in den Hängen des Tales lagern. Man baute seine Hütte nach dem Ereignis neu auf, vielleicht etwas mehr entfernt vom Fluss, aber immer noch in dessen Nähe. Nun konnte man normalem Hochwasser gelassen zusehen, nur bei Extremereignissen, verlor man wieder seine Habe. Hochwasser war fixer Bestandteil im Leben der Bewohner. Heute wundert man sich, dass es in regelmässigen Abständen zu Jahrhunderthochwasser kommt, allerdings innerhalb von Jahrzehnten. Geschuldet ist dies Extremwetterereignissen, den geologischen Verhältnissen und der Boden-Versiegelung und -Verdichtung. Doch lassen wir die Spezialisten sprechen:

Thieken & al. (2021) beschreiben die Lage sehr gut in ihrer Arbeit Extreme Hochwasser bleiben trotz integriertem Risikomanagement eine Herausforderung. Es soll das Versprechen eines Hochwasserschutzes durch ein Management des Risikos abgelöst werden. Die Autoren schreiben zu den Gründen für das Ereignis 2021 wie folgt:

  1. Abregnen extremer Niederschläge, die sowohl hinsichtlich der gesamten Regenmenge als auch hinsichtlich der Intensität (Menge pro Zeiteinheit) extrem sind. Solche Starkregenbedingungen häufen und verstärken sich in manchen Regionen durch die Klimaerwärmung. Extreme Niederschläge können aber generell auch unter einem
    unveränderten Klima auftreten, jedoch vermutlich mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit.
  2. Geringes Rückhaltevermögen im Einzugsgebiet, verursacht vor allem als Folge von Regenereignissen in den Tagen zuvor und/oder bei flachgründigen Böden. Versiegelte oder verdichtete Bodenoberflächen vermindern ebenfalls deren Aufnahmefähigkeit, was aber bei großräumiger Bodensättigung und/oder extremen Niederschlägen kaum verstärkend wirkt.
  3. Sehr schnelles Zusammenfließen der Wassermengen im Einzugsgebiet und Abfluss im Flusssystem. Hier wirken steile Neigungen und „hydraulisch glatte“, d. h. wenig strukturierte Oberflächen der Hänge im Einzugsgebiet beschleunigend. Beides ist im Ahrgebiet der Fall.
  4. Schnell ansteigender Wasserstand und zunehmende Abflussgeschwindigkeit, evtl. noch verstärkt und beschleunigt durch örtliche Verklausungen (d. h. Verstopfung eines Gewässers, z. B. durch Ablagerungen von Geröll und Schwemmholz an Brücken und anderen Engstellen) oder andere temporäre Strömungshindernisse.
  5. Ausborden des Flusses und Überflutungen bzw. Durchströmen von niedrig gelegenen Flächen, z. T. auch mit erheblichem Abstand zum normalen Flussverlauf, bei Überschreitung der Abflusskapazität. Beschädigung der eingestauten Gebäude und Gefährdung der Personen in den Gebäuden. Transport und lokale Ablagerung von Sediment (Geröll, Schlamm), Schwemmholz und anderem Treibgut, die vermutlich auch Anprallschäden an Gebäuden und Brücken verursacht haben.

Nach der Katastrophe begännen eigentlich alle Massnahmen zu greifen, um die Katastrophe nach der Katastrophe zu verhindern. Man konnte im Nachhinein feststellen, dass nicht oder nur unzureichend gewarnt wurde. Trotz alarmierender Ergebnisse nach dem Sirenentag im September 2020 sah sich niemand genötigt, hier etwas zu verändern: jeder habe seine Äpp und hätte halt diese Warnungen ernst nehmen müssen. Leute so geht das nicht, denn manche haben kein Händy, andere haben eines und können diese Äpp nicht installieren, manche sind schwerhörig oder haben einen ausgezeichneten Schlaf – auch bei Starkregen… – und jetzt wollen wir wiederum Spezialisten vor Ort sprechen lassen: Der Katastrophenschutz in Deutschland ist dilettantisch organisiert, zu bürokratisch und ineffizient. Ob Dixi-Klo, Bagger oder Baugenehmigung – es hakt an allen Ecken und Enden im Ahrtal. Bund und Land müssen nachsitzen, so Frau Hupperich. Schlamm und Schutt beseitigen, Dixi-Klos, Trink- und Brauchwasser ranschaffen – seit Wochen organisiert Hupperich das Krisenmanagement mit ehrenamtlichen Helfern, da Bund und Land keine große Unterstützung waren. Im Mittelpunkt von Hupperichs Kritik: die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) des Landes Rheinland-Pfalz. „Ich dachte immer, dass der Bund und Land solche Katastrophen managen. Aber das müssen die ehrenamtlichen Helfer machen, habe ich in den letzten Wochen gelernt“, sagt Hupperich zu FOCUS Online. Hupperich ist studierte Ökonomin und muss sich sehr über das Krisenmanagement von Bund und Land wundern: „Gleich nach der Flutwelle wollte ich Container für die Bewohner, die ihre Häuser verloren haben. Krisenstab und THW haben mich da groß angeglotzt, was ich denn wolle. Man müsse sich doch erst um die Toten kümmern. Doch dass es auch viele Überlebende ohne Dach über dem Kopf gibt, wollte denen gar nicht in den Sinn kommen.“ So sind viele Menschen aus Kreuzberg heimatlos geworden. Zogen zu Verwandten oder ganz weg, erzählt die Ortsvorsteherin: „Die Leute wurden von der Feuerwehr vertrieben und einfach weggeschickt.“ Hupperich ist von den Behörden enttäuscht. Bund und Land waren völlig unvorbereitet. Krisenszenarien wurden scheinbar weder entworfen noch eingeübt. „Wir haben den Einsatz des staatlichen Katastrophenschutzes als großes Desaster erlebt.“ Die Reaktionszeit der Krisen-Bürokratie schien den Betroffenen an der Ahr unendlich lange: „In den ersten Tagen ist gar nichts passiert“, so Hupperich: „Das THW ist wieder abgefahren, als sie die kaputten Brücken gesehen haben. Die sagten sie, sie hätten dafür gar kein Gerät.“ Kaum zu glauben, wie unprofessionell hierzulande der Katastrophenschutz funktioniere, so Hupperich: „Anfangs dachte ich Gott sei Dank sind wir hier in Deutschland. Doch Professionalität sieht anders aus. Die THW-Leute hier sind alle fleißig, aber was soll ein IT-Spezialist auf einem Bagger? Viele vom THW sind ja auch ehrenamtlich im Einsatz. Für Katastrophen braucht es aber Profis.“ Kurz bevor die Ahr in den Rhein fließt, durchquert sie Sinzig, ein Städtchen mit rund 18.000 Einwohnern. Bei der Flut wälzte sich die Ahr auf einer Breite von 900 Metern durch den Ort. Bürgermeister Andreas Geron (56), dessen Haus ebenfalls geflutet wurde, steht in der Ruine der nagelneuen Schul-Mensa und winkt beim Thema Katastrophenschutz wie auch Hupperich ab: „In den ersten drei Tagen nach der Flut waren in Sinzig nur die Feuerwehr der Stadt sowie das THW unterwegs. Erst dann wurden auswärtige Feuerwehrleute hinzugezogen. Später dann auch Technisches Hilfswerk aus anderen Orten und Bundeswehr. Das hat zu lange gedauert.“ Doch als dann endlich an der Ahr auch THW, Bundeswehr und Feuerwehrleute aus ganz Deutschland im Einsatz waren, nahm das Chaos seinen Lauf. Rund 100.000 Soldaten schickte die Bundeswehr in die Flutgebiete, fast alle deutschen Ortsverbände des 80.000 Mann und Frau starken THW waren im Einsatz. Zum Großteil in Ahrweiler. Dazu Feuerwehrleute aus ganz Deutschland – und viele, viele Freiwillige. Wer hatte denn da die Leitung? „Normalerweise die ADD des Landes“, so Kreuzbergs Ortsvorsteherin Hupperich: „Bundeswehr haben wir anfangs gar nicht gesehen. Und schweres Gerät vom THW erst nach mehreren Wochen. Es stand zwar oben im Zentrallager am Nürburgring, aber es war scheinbar unmöglich, das in die Orte zu bringen. Die Hierarchie und Organisationsstruktur sind offensichtlich sehr schlecht und lückenhaft.“ Dass die Arbeitsweise des ADD sehr langsam sei, hört man an der Ahr allerort. Zudem wechselten die Leute und Ansprechpartner für die Kommunen alle paar Tage. „Es ist ja nicht einmal möglich, dass der ADD übervolle Dixi-Toiletten gegen leere austauscht, weil die keine Ahnung haben, wo welche stehen“, so Hupperich: „Und das ist alles andere als lustig. Das Abwasser fließt hier nun weiter in den Fluss.“ Von dauerhaft fluktuierendem Krisen-Personal kann auch Andreas Geron ein Lied singen: „Bei den Zuständigkeiten der Einsatzkräfte von Bund und Land wird zu schnell das Personal ausgetauscht. Dadurch entsteht viel Leerlauf und auch hier gehen Informationen und Know-how verloren. Letztendlich brauchen wir hier eine Grundgesetzänderung, um die Zuständigkeiten neu zu regeln.“ Die ernüchternde Zwischenbilanz der Ökonomin und Ortsvorsteherin Anke Hupperich: „Mir ist klar geworden, dass der Katastrophenschutz in Deutschland ehrenamtlich aufgebaut ist. THW, Malteser, Rotes Kreuz, Freiwillige Feuerwehr – alles überwiegend Ehrenamtler. Das wird dann eben schwierig im Ernstfall. Doch so eine schlechte Katastrophenhilfe darf sich in Deutschland nicht wiederholen.“

Ja, liebe Leute so ist. Kurz nach der Katastrophe meinte der Für den Katastrophenschutz zuständige Beamte des Ortenaukreises, dass sich die Bürgen auf die Äpp verlassen könnten und es sei quasi nicht geplant, da etwas in seinem Kreis zu ändern. Naja, jetzt gehen erst einmal alle wählen, dann sehen wir weiter. Ob und wie die 30 Milliarden €uro unbürokratisch zum Bürger kommen werden, darf bezweifelt werden und wo die Orte wieder aufgebaut werden, wird wahrscheinlich nicht von der Raumplanung abhängig gemacht, meint…

der Brandstetter

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