Wie geht es weiter i.S. Nord Stream?

Gespräche mit Chatgpt

Der derzeitige Stand lässt sich etwa so zusammenfassen:

  • Die deutsche Bundesanwaltschaft hat erstmals Anklage gegen einen ukrainischen Staatsangehörigen (Serhij/Serhii K.) erhoben. Ihm wird vorgeworfen, die Sabotagegruppe geführt zu haben, die mit der Segelyacht Andromeda Sprengstoff an den Pipelines angebracht habe. Vorgeworfen werden u. a. Angriffe auf zivile Energieinfrastruktur, Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion und Zerstörung von Bauwerken.
  • Nach den Recherchen von ARD, Süddeutscher Zeitung und Die Zeit stützen sich die Ermittlungen inzwischen nicht mehr nur auf DNA-Spuren, Bootsmieten und Reisebewegungen. Hinzu kommen offenbar Mobiltelefondaten sowie abgehörte Gespräche, in denen sich der Beschuldigte selbst belastet haben soll.

Der entscheidende Punkt ist jedoch:

Die Anklage beantwortet nicht die Frage nach dem Auftraggeber.

Hier unterscheiden die Ermittler sehr deutlich zwischen:

  1. Wer die Tat ausgeführt hat.
  2. Wer sie angeordnet oder politisch gebilligt hat.

Gerade der zweite Punkt ist weiterhin ungeklärt.

Was bedeutet das für Selenskyj?

Tatsächlich gibt es mehrere denkbare Szenarien:

  • Szenario A: Die Aktion wurde von ukrainischen Militärangehörigen eigenständig durchgeführt.
  • Szenario B: Teile des ukrainischen Militär- oder Geheimdienstapparats handelten ohne Wissen der politischen Führung.
  • Szenario C: Die politische Führung in Kyjiw wusste Bescheid oder billigte die Aktion.

Für keines dieser Szenarien liegt bislang ein gerichtsfester Beweis vor. Die deutsche Anklage legt sich dazu gerade nicht fest.

Was spricht gegen ein vollständiges „Eigenmächtigkeit“-Szenario?

Viele Sicherheitsexperten weisen darauf hin:

  • Die Operation erforderte professionelle Taucher.
  • Es mussten mehrere hundert Kilogramm Sprengstoff transportiert werden.
  • Die Zielpunkte lagen in rund 70–90 m Tiefe.
  • Die Planung dauerte vermutlich Monate.

Deshalb halten zahlreiche Fachleute es für unwahrscheinlich, dass eine kleine Gruppe ohne jede staatliche Unterstützung handelte.

Das bedeutet aber nicht automatisch, dass Präsident Selenskyj persönlich informiert gewesen sein muss.

Gibt es Hinweise auf Geheimdienste?

Seit 2022 wurden verschiedenste Theorien diskutiert:

  • Russland selbst,
  • Ukraine,
  • ukrainische Spezialkräfte,
  • westliche Geheimdienste,
  • Mischformen.

Die deutschen Ermittlungen konzentrieren sich inzwischen sehr stark auf eine ukrainische Tätergruppe. Einen belastbaren Nachweis einer Beteiligung westlicher Dienste oder Russlands haben die Ermittler bislang nicht veröffentlicht.

Was ich besonders interessant finde

Der eigentliche politische Sprengstoff [sic!] ist für mich weniger die Identität des mutmaßlichen Saboteurs als die offene Frage:

Wer gab den Befehl?

Ein ehemaliger ukrainischer Offizier könnte verurteilt werden, ohne dass damit geklärt wäre, ob

  • ein General,
  • der ukrainische Geheimdienst,
  • die Regierung,
  • oder eine völlig andere Stelle hinter der Operation stand.

Genau diese Frage dürfte in einem Prozess vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg im Mittelpunkt stehen. Die Bundesanwaltschaft wird kaum nur beweisen wollen, wer getaucht hat, sondern auch, wer die Operation organisiert und finanziert hat.

Wenn man die letzten vier Jahre nüchtern betrachtet, dann sieht man, dass sich die verschiedenen Theorien sehr unterschiedlich entwickelt haben.

TheorieStand 2022Stand heute (2026)
Russland sprengte die eigene Pipelinewestliche Vermutung unmittelbar nach dem Anschlagdafür wurden bisher keine belastbaren Beweise veröffentlicht
USA/Norwegen (Seymour Hersh)viel Aufmerksamkeitbis heute keine unabhängige Bestätigung; Hershs Bericht stützt sich im Wesentlichen auf eine anonyme Quelle.
pro-ukrainische Gruppe (Andromeda)anfangs vielfach belächeltdiese Spur wird inzwischen durch die deutschen Ermittlungen am stärksten gestützt.
ukrainische Spezialkräfte mit staatlichem HintergrundSpekulationheute von vielen Beobachtern als ernsthafte Möglichkeit angesehen, aber juristisch noch nicht bewiesen.

Was spricht für die ukrainische Spur?

Mittlerweile gibt es eine ganze Kette von Indizien:

  • gemietete Segelyacht Andromeda,
  • gefälschte Pässe,
  • DNA-Spuren,
  • Sprengstoffrückstände,
  • Reisebewegungen,
  • europäische Haftbefehle,
  • inzwischen sogar Anklagen gegen mutmaßliche Beteiligte.

Das ist wesentlich mehr als noch 2023.


Wo bleiben Zweifel?

Hier beginnen die interessanten Fragen.

1. War die Andromeda wirklich das Einsatzboot?

Genau daran bestehen erhebliche Zweifel.

ARD ließ das Szenario nachstellen. Berufstaucher kamen zu dem Schluss, dass die Yacht für einen solchen Einsatz extrem ungeeignet sei.

70–80 Meter Tiefe bedeuten:

  • Trimix-Tauchgänge,
  • Dekompressionskammern,
  • Spezialausrüstung,
  • erhebliche Logistik.

Viele Taucher halten deshalb die Yacht eher für einen Teil der Geschichte als für das eigentliche Einsatzfahrzeug.


2. Wer finanzierte die Operation?

Das kostet keine 20.000 Euro.

Sondern vermutlich:

  • monatelange Vorbereitung,
  • mehrere Schiffe,
  • professionelle Taucher,
  • Unterkünfte,
  • Fahrzeuge,
  • Sprengstoff,
  • Funktechnik.

Je nach Schätzung sprechen Experten von mehreren hunderttausend Euro oder mehr.

Das ist keine typische Privataktion.


3. Wer hatte Zugang zum Sprengstoff?

Verwendet worden sein sollen militärische Sprengstoffe wie RDX und HMX.

Diese erhält man normalerweise nicht im Baumarkt.

Auch das deutet auf militärische oder staatliche Strukturen hin.


Seymour Hersh

Sein Name fällt immer wieder.

Man sollte ihn weder als Spinner noch als unfehlbaren Starreporter betrachten.

Er hat in seiner Karriere echte Weltsensationen aufgedeckt:

  • Seymour Hersh deckte das My-Lai-Massaker auf.
  • Er enthüllte die Misshandlungen im Abu Ghraib.

Seine Nord-Stream-Geschichte beruht jedoch praktisch auf einer anonymen Quelle.

Bis heute konnte kein Ermittlungsverfahren seine Version bestätigen.


Und Selenskyj?

Das ist wohl die schwierigste Frage.

Es gibt vier Möglichkeiten:

Variante A

Selenskyj ordnete die Aktion persönlich an.

→ Dafür gibt es bisher keinen öffentlichen Beweis.

Variante B

Der ukrainische Geheimdienst handelte mit Wissen der militärischen Führung, aber ohne den Präsidenten zu informieren.

→ Viele Beobachter halten das für denkbar.

Variante C

Einzelne Offiziere handelten eigenmächtig.

→ Möglich, erscheint vielen Experten angesichts der Größe der Operation jedoch wenig wahrscheinlich.

Variante D

Die deutsche Anklage zeigt zwar die Ausführenden, nicht aber die eigentlichen Auftraggeber.

→ Genau das scheint derzeit der Stand der Ermittlungen zu sein.


Meine Einschätzung

Ich finde zwei Dinge bemerkenswert.

Erstens hat sich die Diskussion stark verschoben. Während 2022 praktisch jede Theorie gleichberechtigt diskutiert wurde, konzentrieren sich die deutschen Ermittlungen heute sehr deutlich auf eine ukrainische Tätergruppe.

Zweitens ist die entscheidende politische Frage weiterhin offen:

Wer gab den Befehl?

Zwischen einem ukrainischen Kommando und einer Anordnung durch die politische Führung liegen Welten.

Genau dieser Schritt – vom Täter zum Auftraggeber – ist bislang öffentlich nicht bewiesen.

Deshalb dürfte der eigentliche Prozess noch deutlich spannender werden als die bisherigen Medienberichte. Sollte es der Bundesanwaltschaft gelingen, eine Befehlskette nachzuweisen, hätte das erhebliche politische Folgen – nicht nur für die Ukraine, sondern auch für mehrere NATO-Staaten, die seit 2022 über ihre Erkenntnisse nur sehr zurückhaltend Auskunft gegeben haben.

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