Die Philatelie – das Sammeln von Briefmarken – ist eine wunderbare Beschäftigung, die viel Freude bereiten kann. Dennoch gerät diese Freizeitbeschäftigung zunehmend in Vergessenheit. Die Gründe dafür sind vielfältig, einige davon möchte ich hier aufzeigen:
1. Die Briefmarke verschwindet aus dem Alltag.
Wer schreibt heute noch Briefe? Onkel Hans, der zu Ostern stets eine Karte schickte, ist verstorben, Tante Fany vom Alzheimer gezeichnet. Rechnungen kommen per E-Mail, und die wenigen Schreiben von Behörden tragen ohnehin keinen Wertstempel mehr – sie werden pauschal freigemacht. Wenn schon die Bürokratie wächst, spart man wenigstens am Speichel.
2. Briefmarken sind kleine Kunstwerke – aber kaum noch sichtbar.
Einst trugen sie Botschaften nicht nur im Brief, sondern auch auf dem Brief. Heute aber erreicht Werbung die Menschen wirksamer über Fernsehen, Internet oder Social Media. Manchmal so geschickt verpackt, dass man sie gar nicht mehr als Werbung erkennt: Artikel, Blogposts oder TV-Beiträge, die wie neutraler Journalismus wirken, tatsächlich aber gekauft sind.
3. Der Brief hat es schwer.
Zwar behaupten Postanstalten, ihr Service werde immer besser. In Wirklichkeit verschwinden Briefkästen, Postämter schließen. Pakete dagegen boomen – und kehren doch massenhaft zurück: Rund 30 % aller Sendungen, im Modebereich sogar 50 %, werden retourniert. „Mutti“ bestellt zehn Paar Schuhe, neun gehen zurück – und nicht wenige landen im Müll. Die Abfallberge wachsen.
4. Die organisierte Philatelie altert.
Unter „Organisierter Philatelie“ versteht man Verbände, Vereine und Arbeitsgemeinschaften. Deren Mitglieder lassen sich grob in drei Gruppen einteilen:
- Die Inaktiven, die längst andere Hobbys pflegen, aber dem Verein aus alter Treue verbunden bleiben.
- Die Geselligen, die sich regelmäßig in Lokalen treffen, um Briefmarken und Gedanken auszutauschen, ohne Vereinsarbeit leisten zu wollen.
- Die Aktiven, die noch versuchen, Werbung für die Philatelie zu machen.
Alle drei Gruppen werden kleiner – biologisch bedingt, aber auch, weil sich immer weniger Menschen für Vereinsleben begeistern. Ähnliche Klagen hört man aus Sport-, Kultur- und Traditionsvereinen: Junge Leute zieht es eher ins Fitnessstudio als in den Verein. Vereinsstrukturen wirken starr, unmodern und wenig attraktiv.
Hinzu kommt: Die organisierte Philatelie passt sich kaum an neue Trends, Interessen und Kommunikationsformen an. Statt Offenheit herrscht oft ein belehrender Ton: Besserwisser belehren Alleswisser. Foren strotzen vor Ausgrenzung – bis hin zu Abwertungen neuer Sammelgebiete („Cryptowahnsinn!“). Dabei wäre gerade hier eine Chance: Digitale Sammelangebote haben die Philatelie wieder in die Tagespresse gebracht und könnten junge Menschen durchaus ansprechen.
5. Thematische Philatelie
Die Kunstwerke im Kleinformat lassen sich auch zu Geschichte(n) aneinanderreihen – man nennt das Thematische Philatelie. Von klassisch sammelnden Philatelisten wird diese Form jedoch gern als „Bildchensammlerei“ abgetan: So sammelt man nicht. So darf man nicht sammeln.
Dabei verlangt gerade diese Art des Gestaltens nach ununterbrochener Forschungsarbeit, nach Wissen und Kreativität. Früher [um 1960] sprach man auch von konstruktiver Philatelie: Marke für Marke, Beleg für Beleg, wird sorgfältig zusammengefügt, bis ein Bauwerk entsteht – ein Thema.
Und Themen gibt es wie Sand am Meer: Geschichte, Kultur, Wissenschaft, Technik. Mit philatelistischen Belegen lassen sich alle Wissensgebiete erschließen, ja sogar solche, die die Wissenschaft erst kürzlich hervorgebracht hat – etwa die Genetik. Weitere moderne Ausdrucksformen sind die Open Philatelie und die Social Philatelie. In der Open Philatelie dürfen bis zu 49 % der Exponate aus nicht-philatelistischem Material bestehen – etwa Zeitungsausschnitte, Münzen oder sogar Bierdeckel. Die Social Philatelie wiederum rückt nicht den Umschlag selbst in den Mittelpunkt, sondern die Menschen dahinter: Wer schrieb wem, in welchem Zusammenhang, mit welcher Bedeutung?
Wir alle müssen mehr wagen, experimentieren und umsetzen – hier ein Aufruf dazu aus PM 218. [Sie können diese Zeitschrift als Mitglied in der ArGe Medizin & Pharmazie bekommen].
Auf geht’s
meint der Brandstetter

