Gottesanbeter

Fast jeder Mensch ist ein Gottesanbeter – ähnlich Menschen, die sich zu einer Partei hingezogen fühlen – allerdings ist das eher anonym; die Anbetung eines Gottes erfolgt meist in einem bestimmten Ambiente, sprich Kirche, Moschee, Tempel oder Ähnlichem und alle können rückschliessen: sie oder er ist Katholik, Protestant oder Moslem – und der da ist gar nichts von allem. Aber darum geht es erst einmal nicht.

Der Gottesanbeter ist das Männchen der Gottesanbeterin. Beide sind nicht vegan, sie ernähren sich von anderen Insekten. Sie haben eine Fangmaske, mit der sie blitzschnell zuschlagen können – wobei – mit uns verglichen – könnten wir unseren Mund einen Meter weit vor schnellen lassen. Bekannt geworden sind diese schönen Insekten wegen des besonderen Paarungsverhaltens – eigentlich ist es eher das Fressverhalten: die Weibchen fressen ihren Gigolo oder Gatten vor, während oder nach der Begattung. Das Männchen nimmt dies wehrlos zur Kenntnis – und trägt so zur Ernährung des Weibchens – durch seine Gesamt-Organspende – bei. Wie heisst es so schön: glückliche Sklaven sind die grössten Feinde der Freiheit! Offensichtlich hat die Natur das im Laufe der Evolution so eingerichtet und wir müssen uns wirklich wundern und fragen, warum die Evolution dem Männchen kein Fluchtverhalten anerzogen hat. Jeder von uns Menschen macht doch das Gegenteil und haut ab, wenn man ihm ans Fell will. Der Gottesanbeter wäre somit ein tolles Studienobjekt, an dem man herausfinden könnte, warum die Evolution hier einen offensichtlichen Rückschritt gemacht hat.

Möglicherweise ist es "Gutbetertum", das das Männchen veranlasst den Kopf und mehr hinzuhalten. Vielleicht ist es ein bestimmtes Sozialverhalten, das notwendig ist, damit die Gottesanbeterin nicht aktiv jagen und so ihre Kräfte verausgaben muss, weil sie dadurch schwach würde und nicht mehr so viele Eier in ihrer Oothek deponieren könnte. Oder könnte es sein, dass der Gottesanbeter im Durchschnitt dümmer ist als die Gottesanbeterin – ein nicht sehr hoher Religions-Quozient sozusagen. Ein schönes Beispiel für Umwegrentabilität! Dabei sind die Tiere von der Natur her mit einem Vorzug ausgestattet: nach jeder Häutung – es sind Insekten mit unvollkommener Verwandlung (kein Puppenstadium) – passt sich ihre "Hautfarbe" der Umgebung perfekt an – so fand ich einst ein rötliches Tier – perfekt angepasst an den rot-blau-lila bebeerten Strauch, in dem es logierte. Vielleicht ist dies ja kontraproduktiv: das geistig zurückgebliebene Männchen denkt, es sei ganz wunderbar an die Umgebung angepasst, und könne niemals von seiner Partnerin entdeckt werden – schwupp – ist es schon in den Fangarmern seiner Herzensdame. Wer nun auf Mitleid hofft, der irrt, Fressen und Gefressenwerden gilt in der Tierwelt.

In der Menschenwelt ist es ähnlich: hier gibt es Clans, Volksgruppen, Religionsgemeinschaften – hier gilt oft das Recht und vor allem die Gewalt des Stärkeren oder des Fiesesten und Verschlagensten. Die Jahrtausende sind vergangen und der Mensch hätte sich anpassen können, letztlich wird er von der Wissenschaft Homo sapiens genannt. Aber noch immer können selbst ernannte Könige, Präsidenten oder Kirchenfürsten sich über alles Menschliche hinwegsetzen, ungeahndet lassen und vor allem tun, was immer sie wollen – nicht die Gerechten, nicht die Weisen und nicht die Intelligenten stehen an der Spitze von Konzernen, Parteien, Kirchen und Völkern…

meint "der Brandstetter"

P.N.:

Gestern erfuhr ich durch Zufall, dass die Gottesanbeterin zum Insekt des Jahres 2017 gekürt wurde. Ungerecht würden die Gleichstellungsbeauftragten schreien…

Bei dieser Dame sieht man sehr gut die farbliche Anpassung an ihren Lebensraum. Das Männchen hat sich offensichtlich so gut getarnt, dass es unauffindbar war (Fundort: Firenze Sud, Toskana).    

                        

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